Grüner Stahl: Warum Salzgitter Thyssenkrupp bei der Dekarbonisierung überholt
Julian FrankeGrüner Stahl: Warum Salzgitter Thyssenkrupp bei der Dekarbonisierung überholt
Deutschlands zwei größte Stahlproduzenten steuern mit ganz unterschiedlichen Strategien in eine grünere Zukunft. Während der weitverzweigte Mischkonzern Thyssenkrupp – mit Beteiligungen von U-Booten bis zur Wasserstofftechnologie – Mühe hat, sein Kerngeschäft mit Stahl zu restrukturieren, setzt Salzgitter mit einer klaren Ausrichtung und konkreten Dekarbonisierungsplänen Maßstäbe – und hält seine Aktie damit nahe an Rekordständen.
Der Weg von Thyssenkrupp zu klimaneutralem Stahl bis 2045 ist jedoch mit großen Hindernissen gepflastert. Die Finanzierung bleibt eine Herausforderung, und die interne Umstrukturierung hinkt hinter der Konkurrenz her. Zwar hat sich der Aktienkurs innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt, doch die Volatilität bleibt hoch – nicht zuletzt wegen prognostizierter Verluste im dreistelligen Millionenbereich. Die Marktkapitalisierung pendelt bei rund 7,0 bis 7,2 Milliarden Euro, gestützt durch die starke Nachfrage nach der Sparte Marine Systems und Gespräche über Partnerschaften, etwa mit dem indischen Stahlhersteller Jindal Steel. Doch das traditionelle Stahlgeschäft leidet weiterhin unter dem globalen Preisdruck.
Die Strategie des Konzerns sieht den Verkauf nicht zum Kerngeschäft gehörender Vermögenswerte vor, etwa des Anteils an der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM), um profitablere Bereiche zu stärken. Ein Lichtblick ist die Tochterfirma Nucera, die über fortschrittliche Elektrolysetechnologie verfügt – eine Schlüsseltechnologie für die Produktion von grünem Stahl. Dennoch dämpfen Verzögerungen bei der Umsetzung die Zuversicht der Anleger.
Salzgitter hingegen verfolgt einen deutlich klareren Fahrplan. Das SALCOS-Projekt zählt zu den fortschrittlichsten Dekarbonisierungsvorhaben Europas, und die entsprechenden Anlagen sind bereits im Bau. Zudem hat das Unternehmen seine Lieferketten gesichert, unter anderem durch die Übernahme des Duisburger Werks, und damit seine grüne Wende beschleunigt. Die fokussierte Strategie von Vorstandschef Gunnar Groebler hat das Vertrauen der Investoren gestärkt – die Aktie zeigt sich selbst in wirtschaftlich unsicheren Zeiten widerstandsfähig.
Doch auch Salzgitter ist nicht ohne Risiken. Ein konjunktureller Einbruch könnte das stark auf Stahl ausgerichtete Unternehmen hart treffen. Thyssenkrupps Diversifizierung mag zwar unübersichtlich wirken, bietet aber einen gewissen Schutz vor branchenspezifischen Schocks.
Die Übernahme von HKM durch Salzgitter hat zwar Marktunsicherheiten verringert, doch die Reaktionen fallen gemischt aus. Thyssenkrupps Zukunft hängt davon ab, ob es gelingt, den technologischen Vorsprung und die Restrukturierungsbemühungen in stabile Gewinne umzumünzen. Aktuell verdeutlichen beide Konzerne, wie unterschiedlich schnell sich die deutsche Stahlindustrie an eine CO₂-arme Wirtschaft anpasst.
