1973: Als migrantische Arbeiterinnen die deutsche Industrie lahmlegten
Lina Schmidt1973: Als migrantische Arbeiterinnen die deutsche Industrie lahmlegten
1973 erlebte die Bundesrepublik Deutschland eine Welle von Arbeitskämpfen, die maßgeblich von migrantischen Beschäftigten getragen wurde. Über 275.000 Arbeitnehmer:innen in mehr als 300 Betrieben beteiligten sich an spontanen Streiks und stellten damit die traditionellen Gewerkschaftsstrukturen infrage. Die Bewegung markierte einen Wendepunkt, da migrantische Arbeiter:innen – insbesondere Frauen – gegen Ungleichheiten am Arbeitsplatz aufbegehrten und faire Behandlung einforderten.
Die Proteste begannen Anfang 1973 mit Arbeitsniederlegungen, die sich rasant in Maschinenbau- und Automobilfabriken ausbreiteten. Bis August erreichten die Streiks ihren Höhepunkt und legten die Produktion in Schlüsselbranchen lahm. Bei Mannesmann kämpften die Beschäftigten für die Abschaffung der niedrigsten Lohnstufen und machten so auf eklatante interne Gehaltsunterschiede aufmerksam.
Der Streik bei Ford in Köln entwickelte sich zum Symbol für das wachsende Selbstbewusstsein migrantischer Arbeiter:innen. Viele von ihnen waren vor autoritären Regimen in ihren Herkunftsländern geflohen und brachten den Willen mit, für bessere Bedingungen zu kämpfen. Ihre Forderungen gingen über Lohnerhöhungen hinaus – sie richteten sich gegen diskriminierende Praktiken, die Frauenarbeit pauschal als "leichte Tätigkeit" einstuften und damit systematisch schlechter bezahlten.
Ein wichtiger Erfolg gelang bei Pierburg, wo die Lohngruppe 2 – eine Kategorie, die zur Rechtfertigung niedrigerer Löhne für Frauen diente – abgeschafft wurde. Dieser Schritt spiegelte einen grundlegenden Wandel wider: Migrantinnen, die fast ein Drittel der ausländischen Belegschaften stellten, widerlegten das Klischee, sie seien lediglich mitlaufende Ehepartnerinnen statt qualifizierte Arbeitskräfte. Ihre Beteiligung an den Streiks überstieg sogar die von westdeutschen Frauen.
Die Regierung reagierte mit einem Anwerbestopp, um den Einfluss der zunehmend organisierten migrantischen Belegschaften einzudämmen. Doch die Kämpfe standen nicht isoliert da – sie reihten sich ein in internationale Bewegungen, von Fabrikbesetzungen in Italien bis zu Betriebsübernahmen in Frankreich.
Die Streiks von 1973 veränderten die Arbeitsbeziehungen in Westdeutschland nachhaltig. Unternehmen sahen sich gezwungen, Lohndiskriminierung und betriebliche Hierarchien zu überdenken. Migrantische Arbeiter:innen, vor allem Frauen, errangen konkrete Verbesserungen, darunter die Abschaffung ungerechter Entlohnungsstufen. Das Erbe der Bewegung wirkte fort und setzte Maßstäbe für künftige Arbeitskämpfe im Land.






