Warum die Welt von Meinungen überflutet wird – und niemand mehr schweigt
Philipp SchulteWarum die Welt von Meinungen überflutet wird – und niemand mehr schweigt
Überall gibt es Meinungen. In der vergangenen Woche allein wurden Debatten über den Nahostkonflikt, Windräder, Wahlrecht für Katzen, Ananas auf Pizza, vegane Torwarthandschuhe und achtsames Atmen geführt. Der Strom an Standpunkten reißt nicht ab.
Talkshows, Podcasts und Online-Foren produzieren ununterbrochen Meinungen. Wer seine Ansichten für sich behält, wirkt fast schon altmodisch. Der Autor schlägt sogar vor, die tägliche Meinungsäußerung auf drei pro Person zu begrenzen – doch die Welt wird ohnehin nie daran mangeln.
Der Autor hat in letzter Zeit alles gehört. Doch achtsames Atmen kann ihn auch nicht überzeugen. Er stellt sich vor, wie die Natur selbst urteilen würde, wenn sie könnte: In dieser Fantasie äußern ein Schlafzimmer-Kaktus, Mücken und Sonnenblumen ihre Gedanken.
Manche glauben, Menschen suchen in der Natur Trost, weil sie nicht wertet. Gleichzeitig soll das Mittelmeer Urlauber angeblich nach ihrem Verhalten sortieren. Der unendliche Meinungsstrom fließt weiter – ungebremst. Die Natur schweigt, doch die Vorstellung, sie könnte sich äußern, amüsiert den Autor. Vorerst aber produziert die Welt weiter unermüdlich Standpunkte zu jedem erdenklichen Thema.
