Europas Rüstungsindustrie: Hohe Ausgaben, aber wenig Wirkung gegen ineffiziente Strukturen
Lina SchmidtEuropas Rüstungsindustrie: Hohe Ausgaben, aber wenig Wirkung gegen ineffiziente Strukturen
Europas Rüstungsindustrie steht trotz hoher Ausgaben in der Kritik, ineffizient zu arbeiten. Mit einem prognostizierten Budget von 550 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 – fast 60 Prozent des US-Niveaus – warnen Experten, dass die zersplitterte Produktion die Wirksamkeit untergräbt. Gleichzeitig treibt Nordrhein-Westfalen seinen Anspruch voran, bis 2029 zum führenden deutschen Rüstungsstandort zu werden und will so Innovation und Zusammenarbeit beschleunigen.
Die europäischen NATO-Mitglieder geben derzeit 150 Milliarden US-Dollar mehr für Verteidigung aus als China, erzielen damit aber bei Weitem nicht dieselbe Wirkung. Moritz Schularick, Präsident des IfW Kiel, verweist auf die 14 verschiedenen Hauptkampfpanzer-Modelle und 24 Torpedotypen in Europa als Beleg für überflüssige Doppelungen. Er fordert einen einheitlichen europäischen Rüstungsmarkt, um Kosten zu senken und die Effizienz zu steigern.
Trotz gestiegener Nachfrage kämpft die Produktion mit Engpässen. Die Ausbringung des Flugabwehrsystems Iris TLM hat sich zwar verdoppelt, doch wurden bisher nur sechs Feuereinheiten ausgeliefert. Ein gemeinsames U-Boot-Projekt zwischen Norwegen und Deutschland stellt einen seltenen Schritt in Richtung Standardisierung dar, doch bleibt die breitere Zusammenarbeit begrenzt.
Militärs schlagen Alarm. Generalleutnant Gert Nultsch und Vizeadmiral Thomas Daum betonen, dass sich die Industrie an die datengetriebene Kriegsführung anpassen müsse. In Nordrhein-Westfalen fordert die stellvertretende Ministerpräsidentin Mona Neubaur die Bundesregierung auf, die Verteidigungskooperation zu beschleunigen. Die Region plant, bis 2029 ihre Rüstungsbranche in einem eigenen Cluster zu bündeln – mit Fokus auf innovative Technologieunternehmen.
Schularick plädiert zudem dafür, zehn Prozent des europäischen Verteidigungsetats von 150 Milliarden Euro in Forschung zu investieren. Konkrete Details zu jüngeren NATO-weiten Projekten bleiben jedoch rar. Zwar existieren Abkommen wie die deutsch-britische Kensington-Vereinbarung von 2025, doch fehlen ihnen klare militärische Regelungen. Anfragen zu EU- oder NATO-finanzierten Kooperationen mit deutscher-israelischer Beteiligung blieben bisher ohne präzise Antworten.
Europas Rüstungssektor steht vor einer entscheidenden Weichenstellung: Entweder die zersplitterte Produktion fortsetzen oder auf tiefere Integration drängen. Initiativen wie das NRW-Cluster und Forderungen nach einem Binnenmarkt zeigen den wachsenden Reformdruck. Ohne stärkere Abstimmung wird sich die Kluft zwischen Ausgaben und Fähigkeiten voraussichtlich weiter vergrößern.
